Freispiel

 

Innerhalb des sogenannten "Freispiels" finden Lern-, Entwicklungs-, und Bildungsprozesse statt, die gar nicht hoch genug bewertet werden können.

 

Zwei Schwerpunkte, die in freiem Spiel besonders gefördert werden und zentral für die kindliche Entwicklung und spätere Anforderungen (z.B. durch Schule) sind, sollen an dieser Stelle hervorgehoben werden:

► das Sozialverhalten und

► das Sprach- und Kommunikationsverhalten.

 

In jedem Spiel (sei es nun Rollenspiel, konstruierendes Spiel oder ein Regelspiel) ist ein hohes Maß an Sozialverhalten und Kommunikation erforderlich. Auch wir Erwachsenen müssen in unserem alltäglichen Leben aushandeln, zurückstecken, Kompromisse eingehen und uns durchsetzten. Kindern sind diese Fähigkeiten nicht angeboren, sondern sie lernen diese im Zusammensein mit anderen Kindern. Das Lernfeld dafür ist das Spiel. Im Optimalfall lernen sie,

► sich durchzusetzen und die Bedürfnisse anderer dabei nicht aus den Augen zu verlieren oder

► ihre Wünsche zurückzunehmen, um anderen den Vortritt zu lassen, ohne sich selbst dabei zu verlieren.

 

Regeln im sozialen Zusammenleben müssen erarbeitet und von Erwachsenen vor- und mitgelebt werden. Grundlage dafür ist die Fähigkeit, sich auszudrücken, seinen Standpunkt verdeutlichen zu können (später auch gegenüber Erwachsenen), zu spüren und zu formulieren, wo eigene Grenzen sind und die anderer gewahrt werden müssen. Hierin versuchen wir die Kinder zu stärken, indem wir auf "gleiche Augenhöhe" mit ihnen gehen, sie ernst nehmen, sie ausreden lassen und sie stärken, ihre Wahrnehmung zu formulieren.

 

Das Freispiel ist deshalb von großer Bedeutung, weil die Kinder hier uneingeschränkt ihrem Forscherdrang, ihrem Bewegungsdrang und ihrem Bedürfnis nach sozialem Kontakt ohne Vorgaben nachkommen können. Gerade für Kinder in den ersten Lebensjahren ist die Möglichkeit der uneingeschränkten Bewegung eine ganz Wichtige, denn sie nehmen ihre Umwelt zuallererst mit dem Körper wahr. In der Bewegung erleben die Kinder das Zusammenspiel von Wahrnehmung, Denken, Erleben und Handeln. Sie erleben sich mit ihren körperlichen Fähigkeiten, ihren Grenzen und Ausdrucksmöglichkeiten und legen neue Grundlagen, z.B. für ihre weitere sprachliche Entwicklung. Im Freispiel erobern sie ihre Umwelt, erfahren räumliche und dingliche Gegebenheiten. Sie lernen physikalische Phänomene und Gesetzmäßigkeiten von Objekten kennen.

 

Wichtiger Bestandteil des Freispieles ist es, dass die Kinder selbstbestimmt handeln können. Beschäftigt sich ein Kind mit der Gesetzmäßigkeit von Objekten, versucht es z.B., eine Kugel auf eine schräge Ebene zu setzen, ohne dass sich die Kugel bewegt, braucht es dazu nicht die Hilfe der Erwachsenen. Das Kind wird sich wiederholen, bis es zu der Erkenntnis kommt, dass das Vorhaben nicht funktioniert. Im nächsten Schritt wird es sich evtl. daran machen, die Kugel oder die Ebene zu bearbeiten. Dabei kann es – wenn nötig – mit der Unterstützung durch die pädagogischen Fachkräfte rechnen.

 

Im Freispiel haben ältere Kinder die Möglichkeit, z.B. im Rollenspiel ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen. Das heißt, sie haben die uneingeschränkte Möglichkeit, Dinge, die sie beschäftigen, auf ihre ganz eigene Art und Weise zu bearbeiten. Dabei stehen sie im ständigen Kontakt mit anderen. Sie sprechen, sie bewegen sich, sie überwinden soziale wie gegenständliche Hindernisse und befinden sich dadurch in einem permanenten Lernprozess. Wenn wir davon ausgehen, dass Kinder Experten in eigener Sache sind, also sehr genau wissen, was sie brauchen, womit sie sich beschäftigen, was sie erfahren und/oder lernen wollen, behindert ein Eingreifen oder gar Belehren ("so wirst du dein Ziel nicht erreichen") diesen Lernprozess

 

Durch die Altersmischung haben Behinderte oder von Behinderung bedrohte Kinder die Möglichkeit, sich Spielpartner auszuwählen, die ihrem Entwicklungsstand entsprechen, werden aber durch das selbstverständliche Zusammenleben von Gleichaltrigen nicht zurückgewiesen, erfahren Wertschätzung und können so selbstständig Herausforderungen für sich suchen und sich dabei als kompetent erfahren.

 

Die pädagogischen Fachkräfte haben während des Freispiels die Möglichkeit, die Kinder zu beobachten und gezielt Lernprozesse eines Kindes oder der Gruppe zu unterstützen und zu intensivieren. Neben der Beobachtung ist es die Aufgabe des pädagogischen Fachpersonals, die Rahmenbedingungen zu schützen, auf Regeln zu achten und einzuschreiten, wenn Kinder in ihrem Spiel nicht mehr weiter kommen oder ihr Wohl gefährdet ist.